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Kellerkind der Ingenieure (1)

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Hier soll der Versuch unternommen werden, Interesse für ein Kellerkind der Ingenieurwissenschaften zu wecken. Es geht um die Sachnummer, auch Artikel- oder Materialnummer.

Sie ist der Schüssel, über den auf Materialdaten (auch Stammdaten, Grunddaten) zugegriffen wird.

Lange schon überfällig, kam die Erkenntnis auf, daß die Qualität der Grunddaten entscheidet über die Aussagekraft von Auswertungen wie: welche Materialien werden eingekauft, zu welchem Wert? Oder: welche kommen aus eigener Fertigung? Wie hoch sind deren Herstellkosten?

Sind also die Daten – etwa Einkaufspreise - veraltet, so führt eine Auswertung in die Irre. Erst in den letzten Jahren wurde die Bedeutung der Datenqualität thematisiert. Es entstanden Problemkreise wie „Grunddaten-Management“ und wurden angegangen.

Die Sachnummer steht also im Kontext von durchaus bedeutsamen, strategischen Ziel- und Umsetzungen. Indessen wird sie von Ingenieuren wie von Kaufleuten mit sehr spitzen Fingern angefaßt. Vielleicht steht die intensive Beschäftigung mit Sachnummern und Grunddatenmanagement nicht im Ruf, karrierefördernd zu sein. Gleichwohl können damit eindrucksvolle, nachweisbare Erfolge erzielt werden. Doch mehr darüber später.

Wenden wir uns zunächst dem typischen Iststand zu. Manche Unternehmen haben ihre Nummernsysteme über Jahre hinweg aufgebaut. Das Personal hat Anleitungen zum Interpretieren der Sachnummer verbreitet und verinnerlicht. Es schwört auf die Aussagekraft der eigenen Sachnummer. Die weitaus häufigste Gestalt einer Sachnummer sieht etwa so aus (Beispiel):

 

214461.0117

 

Manche Nummern enthalten Buchstaben, mehrere Ziffernkolonnen, Trennstriche oder Leerstellen. Aber sie haben durchwegs einen sprechenden und einen zählenden Anteil. 

Der Zugriffsschlüssel auf einen Materialstamm ist das gesamte Gebilde aus beiden Anteilen, eingeschlossen den Punkt zwischen „1“ und „0“. Der Zugriff erfolgt also weder über "214461" noch über "0117", sondern über "214461.0117".

Häufig gibt der sprechende Anteil Auskunft über das Produkt, in dem der Artikel verbaut ist (etwa die erste Stelle; „2“. Die Gruppe „144“ könnte stehen für die Hauptbaugruppe (HBG) innerhalb des Produkts, die Ziffernfolge „61“ kann für die Unterbaugruppe (UBG) stehen, die zur HBG 144 gehört. Der  sprechende Anteil sagt dem also Leser schon einiges über das Material. Er ist hilfreich für mehrere Anwendergruppen:

  • Die Monteure für Haupt- und Unterbaugruppen des Produkts „2“ fühlen sich unterstützt.
  • Der Service weiß, wo das Material ausgetauscht werden muß.
  • Der Konstrukteur sieht der Nummer an, wo das Teil eingebaut ist und optimiert es.  

Die Zählnummer im Beispiel („0117“) sagt, daß in der Unterbaugruppe „61“ das Teil Nr. 117 gemeint ist. Ebenso ist klar, daß die BG mit 144 die UBG 61 einschließt. Und daß dieses Material zum Produkt „2“ gehört.

Nun gibt es Leute, die mit Produktstrukturen und deren Auf- und Umbau zu tun haben. Sie sehen leicht, daß der sprechende Anteil einem sogenannten „Teileverwendungsnachweis“ stark ähnelt. Der aber ist seit langem eine Standard-Funktionalität von ERP-, PDM- und CAD-Anwendungen.

 Es gibt auch Leute, denen an der Wiederverwendung von Teilen in verschiedenen Produkten, Haupt- und Unterbaugruppen gelegen ist. Ihnen ist der sprechende Anteil des beispielhaften Schlüssels ein großes Hindernis, dieses Ziel zu verfolgen.

 Es erscheint z.B. denkbar, das Teil „214461.0117“ auch im Produkt „4“ in der Hauptbaugruppe „25“ unverändert einzusetzen. Dann müßte der sprechende Anteil mit „425“ beginnen. Es ist aber dasselbe Material wie „214461.0117“. Es müßte also dieselbe Nummer tragen. Nun sitzt man in der Falle: eines der widerstreitenden Prinzipien muß über Bord geworfen werden. Entweder

  • die Verwendung im sprechenden Anteil stimmt, oder
  • identisches Material muß dieselbe Sachnummer führen, egal in welcher Verwendung.   

Meist ist das zweite Prinzip stärker: die Nummer des Wiederholteils bleibt auch bei Verwendung in anderen Umgebungen unverändert. Bei flüchtigem Überschlagen von Stücklisten fällt der Blick sofort auf Materialschlüssel mit abweichenden, sprechenden Anteilen. Sie zeigen genaugenommen auf die erstmalige Verwendung des Teils. Und: es handelt sich um ein Wiederholteil, da es in anderer Umgebung verwendet wurde. 

Betrachtet man den Iststand in vielen Industrieunternehmen, so ergibt sich ein ähnliches Bild. Der Aufbau der Sachnummer datiert meist aus der Zeit vor Einführung der EDV. Dieser Nummerntyp ist schlicht nicht zukunftsfähig. Der bis hierher beschriebene Sachnummerntyp wird "Verbundschlüssel" genannt, weil sprechender und zählender Anteil fest verbunden sind - selbst der Trennungspunkt gehört häufig zur Nummer! 

Der sprechende Anteil wird i.d.R. manuell vergeben. Da aber jedes Teil benummert werden muß, müssen 100% aller Nummern manuell vergeben werden. Eine automatische Nummernvergabe ist damit blockiert. Eigentlich ist ein sprechender Anteil nur bei Wiederholteilen erforderlich - und das sind weitaus weniger als 100% aller Neuteile.

Im nächsten Beitrag stellen wir praxiserprobte Ansätze und Methoden vor, die aus der Sackgasse führen.

 

 

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